11.06.2025; Lesedauer: 2 min.; Autor: Wolfgang Gerstenhauer

Landwirtschaft im Ausnahmezustand

Irgendwo in Deutschland – ein typischer landwirtschaftlicher Familienbetrieb mit 28 Hektar Fläche. Auf dem Hof von Familie Müller wird Landwirtschaft in der siebten Generation betrieben. Inzwischen muss Felix Müller, der den Betrieb seit 2009 gemeinsam mit seiner Frau Katharina leitet, jeden Euro dreimal umdrehen.

„Wir kamen plötzlich auf keinen grünen Zweig mehr – in keinem Betriebsbereich.“

„Was sich in der Vergangenheit bewährt hatte, funktionierte plötzlich nicht mehr.“

Im Stall der Müllers stehen 35 Milchkühe, auf ihren Feldern wachsen Mais, Weizen und Raps – ein typischer Mischbetrieb, wie es ihn tausendfach in Deutschland gibt. Was über Generationen ein solides Auskommen bot, ist unter massiven Druck geraten.

Denn die Kosten für die Betriebsmittel steigen: Dünger, Pflanzenschutzmittel, Diesel, Strom, Maschinen und ihre Instandhaltung haben sich seit 2015 enorm verteuert; Saisonkräfte sind rar und durch den gestiegenen Mindestlohn kaum noch bezahlbar. Der bürokratische Arbeitsaufwand kostet Felix Müller inzwischen fast eine Arbeitswoche pro Monat, wertvolle Zeit, die im Stall und auf dem Feld fehlt. Gleichzeitig gehen die Einnahmen runter: Der Milchpreis schwankt, die Ernteerträge leiden unter Dürre, Starkregen, Hagel und Frost. Im Wirtschaftsjahr 2023/24 sanken die Betriebsergebnisse durchschnittlicher Höfe in Deutschland um nahezu 30 %. Bei den Müllers sah es sogar noch schlimmer aus.

Familie Müller sitzt in einer doppelten Kostenfalle: die Ausgaben ihres Betriebs steigen, während die Einnahmen sinken – einer von vielen Höfen am Limit.

BetriebsmittelDieselStromkostenDüngerPSM
+ 37 %+ 23 %+ 33 %+ 46 %+ 33 %
BürokratieaufwandMindestlohnBetriebsergebnis
32 h / Monat+ 51 %– 30 %

Quellen:
Betriebsmittel: +37 % seit 2015 (Dünger +46 %, PSM +33 %, Energie +46 %; Quelle: DeStatis); Diesel: +23 % (2008–2024,  Quelle: Wikipedia-Dieselkraftstoff; Strom: +33 % (2015–2025, Quelle: Quelle: Verivox-Strompreisentwicklung); Mindestlohn: +51 % (2015: 8,50 € → 2025: 12,82 €; Quelle: BMAS); Bürokratie Tierhaltung: 32 Std./Monat, davon allein 12 Std. Dokumentation (Quelle DBV); Betriebsergebnisse: -30 % im Jahr 2023/24 gegenüber 2022/23; DBV – Situationsbericht 2024

Smart Farming als letzte Stellschraube

Als Stellschraube bleibt den Landwirten nur die Effizienzsteigerung in allen Betriebsbereichen – und die gelingt heute nur noch digital mithilfe von Smart Farming-Technologien.

Konkret bedeutet das: smarte Sensorik für Boden, Klima und Pflanzen; Automatisierung gegen Diesel- und Zeitverluste; KI für fundierte, rechtzeitige Entscheidungen; digitale Schlagkarteien gegen Bürokratie. So sinken der Mittel- und Zeitaufwand, nur so lassen sich die Erträge stabilisieren.

Fünf Hebel, die jeder landwirtschaftliche Betrieb Schritt für Schritt mithilfe von Smart Farming-Technologien angehen kann:

1) Ressourcen nur dort einsetzen, wo sie wirklich wirken

Worum geht’s?
Wasser, Dünger und Pflanzenschutz werden nicht mehr „nach Gefühl“ oder Uhrzeit ausgebracht, sondern nach gemessenem Bedarf. Das leisten Bodensensoren (Feuchte/Temperatur), Mikroklimadaten und einfache Verdunstungsmodelle. Für Dünger/PSM helfen Applikationskarten, die Felder in Zonen teilen (Variable Rate).

Was bringt’s?
Weniger Wasser, weniger Dünger, weniger PSM, weniger Diesel – und gleichzeitig stabilere Erträge, weil Stressspitzen vermieden werden.

Praxisbeispiel Müller-Hof (28 ha, Milchviehhaltung + Ackerbau):
Die Bewässerung wird erst gestartet, wenn die Sensorik im Wurzelbereich einen definierten Schwellenwert meldet. Statt dreimal „sicherheitshalber“ läuft sie vielleicht nur ein- bis zweimal, dafür zum optimalen Zeitpunkt.

2) Bestände führen – vom Saatbett bis zur Ernte, alles auf einem Blick

Worum geht’s?
Alle relevanten Felddaten landen in einem Dashboard: Boden-/Pflanzen- und Wetterdaten plus Bilder. Dazu kommen Assistenzsysteme: Spurführung, Teilbreitenschaltung/Section Control, kameragestützte Hacke. Prognosen helfen beim Timing (Aussaatfenster, Wachstumsstadien, Erntefenster).

Was bringt’s?
Weniger Überlappungen, präzisere Arbeitsgänge, bessere Termintreffer und mitlaufende Dokumentation – das senkt Kosten und bürokratischen Aufwand und schont die Kultur.

Praxisbeispiel Müller-Hof:
Die Maispflege wird nach Bodentemperatur, Feuchte und Wetterfenster geplant. Die Kamerahacke fährt, wenn Unkraut jung ist und der Boden tragfähig. Ergebnis: weniger PSM, sauberer Bestand.

3) Maschinen & Energie effizient einsetzen – Fahrten planen, Leerlauf vermeiden

Worum geht’s?
Telemetrie zeigt, wo Maschinen stehen, wie lange Motoren im Leerlauf laufen und welche Routen doppelt gefahren werden. Einsätze lassen sich wie Touren planen: Felder clustern, Reihenfolge optimieren, Arbeitsgänge bündeln.

Was bringt’s?
Weniger Leerfahrten, weniger Leerlauf, weniger Diesel – und die gleiche bearbeitete Fläche in weniger Arbeitsstunden.

Praxisbeispiel Müller-Hof:
Die Gülle- und Pflegerouten werden vorab digital geplant. Der Schlepper reduziert Standzeiten am Feldrand, Fahrten werden kombiniert. Ergebnis: spürbare Diesel- und Zeitersparnis.

4) Bürokratie, die nebenher läuft – Daten automatisch in die Schlagkartei

Worum geht’s?
Maschinen- und Sensordaten werden automatisch in die digitale Schlagkartei übernommen. Checklisten führen durch Meldungen und Nachweise. Exportformate (z. B. QS, Öko, Cross-Compliance) entstehen per Klick statt per Zettelstapel.

Was bringt’s?
Weniger Abtippen, weniger Fehler, weniger Nerven – die ungeliebte Pflicht wird zur angenehmen Nebensache.

Praxisbeispiel Müller-Hof:
Bewässerungsstart, Ausbringmengen und Wetterfenster werden automatisch dokumentiert. Der monatliche Dokumentationsblock schrumpft von einem Tag auf wenige kurze Sessions.

Qualität sichern & besser vermarkten – Lager im Griff, Chargen im System

Worum geht’s?
Sensoren überwachen Lagerbedingungen (Temperatur/Feuchte/CO₂), Qualitätsdaten werden pro Charge erfasst und mit QR/Charge rückverfolgbar gemacht. So lassen sich Partien gezielt trennen, verkaufen oder zuerst verwerten.

Was bringt’s?
Weniger Verluste im Lager, sauberere Qualität und eine lückenlose Geschichte für Handel und Abnehmer.

Praxisbeispiel Müller-Hof:
Getreidepartien werden nach Feuchte/Qualität getrennt eingelagert. Eine Partie mit höherer Feuchte geht früh raus, trockene Ware bleibt länger – weniger Wertverlust.